Seit drei Jahrzehnten setzt sich die Schweizerische Hirnliga dafür ein, die Hirnforschung voranzubringen und Wissen über die Gesundheit unseres wichtigsten Organs in den Alltag zu bringen. Im Interview erklärt Präsident Prof. Jürg Kesselring, warum die Schweiz international eine Spitzenrolle in der Neurologie einnimmt, welche Herausforderungen eine alternde Gesellschaft mit sich bringt – und wie jeder Einzelne mit einfachen Mitteln aktiv zur eigenen Hirngesundheit beitragen kann.

Für diejenige, die die Schweizerische Hirnliga nicht kennen. Wie würden Sie die Organisation kurz charakterisieren?
Prof. Jürg Kesselring: Die Schweizerische Hirnliga unterstützt seit 30 Jahren die Hirnforschung in der Schweiz und informiert die Bevölkerung darüber, wie sie das Gehirn gesund erhalten kann.
Was sind die wichtigsten Dienstleistungen?
Die Schweizerische Hirnliga unterstützt die Hirnforschung, indem sie alle zwei Jahre einen Forschungspreis verleiht. Junge Forscherinnen und Forscher unterstützt sie mit Stipendien. Jeweils im März helfen wir bei der Koordination der jährlich stattfindenden Woche des Gehirns. Die Hirnliga bietet Informationen und Tipps zur Gesunderhaltung des Gehirns an: Sie gibt das Magazin «das Gehirn» heraus und teilt Inhalte auf ihrer Website, auf Facebook und auf Instagram.
Wie steht es um die Gesundheit des Gehirns in der Schweizer Bevölkerung?
Die Schweiz steht bei der Hirngesundheit gut da. Sie gilt international als starker Forschungsstandort für Neurologie. Eine Herausforderung ist die älter werdende Gesellschaft, wodurch Erkrankungen wie Demenz häufiger werden. Umso wichtiger ist es, in die Prävention zu investieren.
Die Schweizer Hirnforschung gilt als weltweit führend. Welche historischen, wissenschaftlichen und institutionellen Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich die Schweiz in diesem Bereich an die Weltspitze entwickeln konnte?
Der Erfolg der Schweizer Hirnforschung basiert auf mehreren Faktoren: eine lange wissenschaftliche Tradition, ein hoher Grad an Spezialisierung sowie eine starke internationale Vernetzung. Dazu kommen gezielte Förderungsmassnahmen, wie sie beispielsweise die Hirnliga leistet.
Wie kann man durch Lebensstil, Ernährung und mentale Aktivität die Gesundheit des Gehirns vorbeugend stärken?
Die Hirngesundheit hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die gute Nachricht: Vieles können wir selbst beeinflussen. Der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle. Schon kleine Dinge können viel Positives bewirken. Empfehlenswert ist eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn, Olivenöl, Nüssen oder Fisch. Daneben sollte man ausreichend schlafen und sich regelmässig bewegen. Soziale Kontakte oder die Bereitschaft, Neues zu lernen, helfen ebenfalls sehr.
Was sind die häufigsten Erkrankungen des Gehirns?
In der Schweiz gehören vor allem der Schlaganfall, Alzheimer-Demenz, Parkinson, Migräne und die Multiple Sklerose zu den häufigsten Erkrankungen des Gehirns. Schlaganfälle sind dabei die häufigste akute neurologische Erkrankung und eine der wichtigsten Ursachen für Behinderungen. Im Bereich der chronischen Erkrankungen nimmt die Alzheimer-Demenz aufgrund der alternden Bevölkerung stark zu, gefolgt von Parkinson und anderen neurodegenerativen Erkrankungen. Auch Migräne ist sehr verbreitet und betrifft einen grossen Teil der Bevölkerung, auch wenn sie meist weniger schwerwiegend ist.
Insgesamt könnte fast die Hälfte aller Demenzerkrankungen wie Alzheimer verhindert oder verzögert werden! Welche Faktoren spielen eine Rolle bei der Vorbeugung von Alzheimer und anderen Demenzen?
Der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle: eine vielfältige, gesunde Ernährung, genügend Schlaf, regelmässige Bewegung, soziale Kontakte. Aber auch gesundheitliche Faktoren wie der Blutdruck oder das Gehör sind wichtig; hier raten wir dazu, den Hausarzt oder die Hausärztin auf mögliche Probleme anzusprechen. Bei allem gilt: Kleine, machbare Schritte sind besser als unerreichbare Ziele, die einen überfordern.
Die Hirnliga zeichnet herausragende Leistungen in der Hirnforschung aus. Wie gelingt es der Schweizerische Hirnliga, ihre Fördergelder für die Hirnforschung aufzubringen?
Die Schweizerische Hirnliga ist eine gemeinnützige Organisation, die sich über Spenden finanziert. Uns hilft, dass im Vorstand engagierte Hirnforscherinnen und Hirnforscher tätig sind, die ehrenamtlich arbeiten. Zudem engagieren sich im Patronatskomitee Persönlichkeiten wie alt Bundesrat Pascal Couchepin. Weiter dokumentieren wir unsere Unterstützung der Forschung transparent auf unserer Website. Das schafft Vertrauen.
Der mit 40’000 Franken dotierte Forschungspreis 2026 der Schweizerischen Hirnliga ging an Philipp Homan und Wolfgang Omlor. Im Fokus der Arbeit von Homan und Omlor steht die Schizophrenie. Nach welchen Kriterien wird der Hirnliga-Forschungspreises vergeben?
Die Arbeit muss zunächst bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört, dass sie mehrheitlich an schweizerischen Kliniken oder Instituten entstanden ist. Die Bewertungskriterien sind Originalität, Methodik, Relevanz bezüglich Hirnaffektionen, beziehungsweise Physiologie des Zentralnervensystems und didaktische Darstellung. Die Kriterien sind in einem Preisreglement festgehalten, das auf unserer Website einsehbar ist.
Die Hirnliga feiert ihr 30-Jahr-Jubiläum. Was wünschen Sie sich für die nächsten 30 Jahre?
Für unser Magazin «das Gehirn» erhalten wir sehr viel Lob, aus Fachkreisen und seitens der Bevölkerung. Wir wünschen uns, dass wir damit noch viel mehr Menschen erreichen. Wer sich dafür interessiert, kann es auf unserer Website bestellen.
Interview: Corinne Remund
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Prof. Dr. med. Jürg Kesselring ist ein renommierter Schweizer Neurologe und Experte für Neurorehabilitation. Er ist insbesondere für seine langjährige Tätigkeit als Chefarzt in Valens und sein Engagement in humanitären sowie wissenschaftlichen Organisationen bekannt. So gehörte er u. a. 12 Jahren dem IKRK an. Seit 2023 präsidiert Prof. Kesselring die Schweizerische Hirnliga.



