Die Illusion des Reisens – warum das Glück oft näher liegt


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Frühling, Sommer – bald ist wieder Reisezeit. Viele Menschen bereiten sich schon jetzt voller Vorfreude auf ihre Ferien in fremden Ländern vor. Oft verreisen sie sogar mehrmals im Jahr – etwas, das mich immer wieder erstaunt. Mir persönlich liegt das Reisen nicht besonders, und ich sehe auch keinen zwingenden Grund, weshalb ich in ein anderes Land reisen sollte. Ich lebe nicht gerne in Illusionen, sondern bevorzuge die Realität. Denn als Touristin bewege ich mich meist in künstlichen Welten, die speziell auf mich zugeschnitten sind – sorgfältig inszeniert und fern vom echten Alltag vor Ort. Reisen ist heute keine Kunst mehr, sondern ein Reflex. Ein Griff zum Smartphone genügt – und schon wird aus jedem ein Chronist des Glücks. Reisejournalisten, Influencer, Gelegenheitsfotografen: Sie alle liefern Bilder, die den immergleichen Traum bedienen. Sonnenuntergänge. Weisse Strände. Lächelnde Menschen. Das Versprechen: Hier ist das Leben besser. Die Erlebnisindustrie konstruiert ein geschöntes Bild des Fremden, das sich durch sämtliche Reisekataloge zieht – gedruckt wie digital. Das Fremde erscheint dort als Ware, sorgfältig verpackt und zum Kauf angeboten: hier der «edle Wilde», dort – in der eigenen Gesellschaft – der Fremde als Problemfall. Und wir? Spielen mit.

    Tatsächlich begegnen Touristen nur selten einer fremden Kultur. Was sie erleben, sind Inszenierungen, reduziert auf stereotype Bilder, versehen mit einem Echtheitszertifikat. Doch solange diese Inszenierung nicht allzu künstlich wirkt, wird sie bereitwillig angenommen. Denn längst wissen alle Beteiligten: Das «Echte» ist oft eine Konstruktion. Einheimische spielen ihre Rollen, sobald sie sich beobachtet fühlen – und Touristen tun es ebenso. Beide Seiten kennen die Regeln dieses Spiels. Der Reiz liegt nicht im Verstehen, sondern im Staunen. In der Verdichtung von Momenten, die sich gut erzählen lassen. Und gut posten. Touristen sind keine Ethnologen – sie sammeln Eindrücke, keine Erkenntnisse.

    Doch was wäre, wenn wir einfach einmal nicht verreisten? Ein ketzerischer Gedanke. Denn Ferien gelten als heiliger Gral, als Licht am Ende des Büroflurs. Aber vielleicht sind sie längst kein Ausdruck von Freiheit mehr, sondern Pflichtprogramm. Man fährt weg, weil man es eben tut. Wie Raclette an Silvester. Ich gestehe: Ich bin eine grosse Anhängerin des Verreisens ohne Verreisen. «Balkonien mit Tiefgang», nenne ich das. Man braucht nicht viel: einen bequemen Stuhl, ein gutes Buch, sämtliches Zubehör für Collagen – und die Bereitschaft, nichts zu planen. Keine To-do-Listen, keine Sehenswürdigkeiten, keine Zeitfenster. Einfach sein. Ich praktiziere es immer wieder – auch ab und zu am Wochenende. Das Resultat echte Ruhe und tiefer Seelenfrieden – unbezahlbar. Kein Flughafen, kein Hotel, kein Plan, was ich meide, da es mich stresst.

    Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem etwas kippt. Wenn die Abwesenheit von Programm nicht als Mangel, sondern als Luxus empfunden wird. Wenn Zeit nicht mehr gefüllt, sondern erlebt wird. Wenn ein Tag nicht daran gemessen wird, wie viel man gesehen hat, sondern wie sehr man bei sich selbst war. Diese Art des «Nicht-Reisens» verlangt weniger Organisation, aber mehr Aufmerksamkeit – für das Kleine, das Nahe, das Unspektakuläre. Vielleicht liegt genau darin eine neue Form von Freiheit: sich vom Drehbuch zu lösen. Die Kamera aus der Hand zu legen. Keine Postkartenmotive zu sammeln, sondern echte Erinnerungen entstehen zu lassen. Und die müssen nicht fern sein. Manchmal genügt ein Gespräch im Garten, ein verregneter Tag im Bett mit einem guten Buch oder ein Spaziergang durch die eigene Stadt – mit den Augen eines Fremden. Ich lasse mich überraschen: vom Nichtstun, vom Augenblick, vom Gesang der Amsel am frühen Morgen, wenn die Stadt noch schläft. Und von der Erkenntnis, die sich leise einstellt. Und irgendwann merkt man: Man ist gar nicht auf der Suche nach einem anderen Ort. Sondern nach einem anderen Zustand. Und der ist näher, als man denkt.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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